Von Timm Richter
In unseren Weiterbildungen zur systemischen Organisationsberatung vermitteln wir viele praktische Heuristiken und theoretische Denkfiguren. Man kann sich das alles merken – oder aber sich immer wieder an eine erkenntnistheoretische Prämisse erinnern. Aus ihr kann man den Rest leichter ableiten und bekommt ein Gespür dafür, warum die Konzepte wirksam werden, statt sie nur als Techniken anzuwenden.

Von der Ontologie zur Beobachtung
In der systemischen Arbeit wird die ontologische Frage „Was ist der Fall?“ ersetzt durch die konstruktivistische Frage „Wer beobachtet was mit welchen Unterscheidungen?“ Das verschiebt den Fokus von der Suche nach der richtigen Antwort zur Untersuchung der Bedingungen, unter denen überhaupt Antworten entstehen. Grundlage dafür ist eine Feststellung von Humberto Maturana:
Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt.
Damit ist jede Erkenntnis prinzipiell perspektivgebunden. Diese Prämisse ist keine Glaubensfrage, sondern ein Arbeitsprinzip, das in der Beratungspraxis einen erheblichen Unterschied macht (und natürlich kann man auch andere wählen).
Was sich dadurch verändert
- Nicht die Wahrheit steht im Zentrum, sondern die Vielfalt möglicher Beschreibungen. Das ist keine Orientierungslosigkeit, sondern eine Erweiterung des Lösungsraums.
- Sinn wird nicht gefunden, sondern gegeben – und könnte auch anders gegeben werden. Bedeutung ist immer das Ergebnis einer Zuschreibung, nicht einer Entdeckung.
- Wertschätzung bedeutet: die innere Rationalität anderer Perspektiven versuchen nachzuvollziehen – dafür muss man nicht jede Weltsicht für gleich gut zu halten, aber es hilft zu verstehen, wie sie aus sich heraus Sinn ergibt.
- Torsten Groth bringt eine wichtige Konsequenz auf den Punkt: „Zustände kann man bedauern, Verhalten kann man verändern.“ Wer fragt, welches Verhalten welcher Akteure einen Zustand erzeugt, findet Ansatzpunkte – statt ohnmächtig zu beklagen.
Konstruktivismus ist kein Freifahrtschein
Ein verbreiteter Irrtum: Wenn alle Wirklichkeiten konstruiert sind, ist alles gleich gültig.
Der Konstruktivismus bestreitet nicht, dass es eine Welt gibt (auch wenn man das kaum überprüfen kann). Er bestreitet, dass wir sie unabhängig von unseren Beobachtungskategorien erkennen können. Jedes psychische und soziale System erzeugt seine eigene Weltkonstruktion – diese muss aber viabel sein: Sie muss dem System ermöglichen, weiter zu existieren und zu operieren. Konstruktionen, die dauerhaft an der Realität scheitern, verschwinden.
Unterschiedliche Konstruktionen haben also sehr wohl unterschiedliche Konsequenzen. Die Frage ist nicht, ob eine Beschreibung wahr ist, sondern ob sie trägt – und für wen, unter welchen Bedingungen, wie lange.