Von Torsten Groth
„Das Spiel spielt die Spieler … Das Individuum als Umwelt sozialer Systeme … Interventionen haben auf der Ebene der Strukturen anzusetzen … „. – Im Hervorheben der Besonderheiten einer systemischen Organisationsberatung (v.a. wenn diese sich enger an die Luhmann’sche Systemtheorie anlehnt), entsteht leicht der Eindruck, es wäre eine kalte, analytische, unempathische Form der Beratung, in der Menschen und Gefühle außen vor bleiben …

Wer sich jedoch – wie z.B. wir uns kürzlich zum Anlass unseres swf-Forums mit „Interaktionsdynamiken in der Beratung“ beschäftigt, der wird bzw. sollte zu einem differenzierteren Bild kommen. Richtig ist, die Systemtheorie liefert uns recht trocken klingende Erklärungen, die quer zum Alltagsverständnis der Kunden liegen. Hierin liegt ihr Mehrwert und ein (Irritations-)Potenzial, das beraterisch genutzt werden kann.
Ob und wie diese „irritierenden Perspektiven“ ihr Potential jedoch entfalten können, das entscheidet sich vor allem in der Beratungsinteraktion, und damit in der Fähigkeit der Berater:innen, Situationen zu gestalten, Stimmungen aufzunehmen und auch „Momente“ zu nutzen etc. Francois Jullien hat hierfür den schönen Begriff des Situationenspotenzials geprägt.
Zu den Besonderheiten einer systemischen Beratung und Beraterausbildung gehört es, dass diese Momente nicht einseitig kausal, handwerklich vereinfacht oder einfach nur tautologisch definiert werden (im Sinne von: „Du musst den richtigen Moment nutzen“). Die Prämisse „Sorge für anschlussfähige Irritation“ gibt den Balancierungsauftrag, einerseits (auch sprachlich) anschlussfähig zu sein, die Beziehungsseite zu stärken, wertschätzende Rückmeldung zu geben oder auch den kundenseitigen Erwartungen an der inhaltlich-prozessualen Gestaltung nachzukommen; und andererseits wird Wirkung nur dann erzielt, wenn es auch zu Irritationen kommt, wenn Erwartungen enttäuscht werden, wenn neue Erklärungsmodelle umgesetzt, Re-Framings vorgenommen oder auch überraschend-neue Formate vorgeschlagen werden.
Wirksame Beratung braucht Irritation und Anschluss, braucht Theorien in Kombination mit Beratungshandwerk, und die Kompetenz, all dieses situativ angemessen, kreativ einzusetzen.