Digitalisierung, Kontrolle und KI: Gedanken aus einem Seminar mit Dirk Baecker

von Timm Richter

Im September hatten wir Dirk Baecker in einem swf-Denkraum zu Gast. Das Thema war sein Buch »Digitalisierung«. Wir hatten zwei wunderbare Tage mit vielen Impulse und Diskussionen. Dass ich allen Ausführungen von Dirk Baecker – sowohl im Buch als auch im Seminar – folgen konnte, wäre gelogen. Gleichwohl möchte hier einiges digitalisieren, was durch die zwei analogen Tagen des Seminars bei mir angeregt wurde, sofort mit dem Hinweis, dass meine Anmerkungen in Teilen wahrscheinlich nur lose gekoppelt sind mit dem, was Dirk Baecker mit seinen Ausführungen im Sinn hatte.

Impressionen vom swf-Denkraum »Digitalisierung«

Digital-analoge Erschaffung einer Welt

Was Digitalisierung im Kern ausmacht, nimmt Ideen auf, die man bereits bei Gregory Bateson und Paul Watzlawick nachlesen kann, nämlich dass mit Unterscheidungen erst die Objekte bzw. Daten geschaffen werden, von denen wir so tun, als ob sie schon vorher da gewesen wären. Das Welt ist zu vielfältig, als dass Systeme, seien es Psychen oder soziale Systeme wie Organisationen oder die Gesellschaft, sie erfassen könnten, und so lässt sich beobachten, dass diese Systeme mit Unterscheidungen Daten erzeugen, um sich mit diesen Daten dann selbst zu informieren. Etwas (ein Datum) wird gesetzt, Digitalisierung findet statt, und in diesem Prozess wird das Analoge gleichzeitig miterzeugt, nämlich alles andere, das auch noch möglich gewesen wäre. Diese Gleichzeitigkeit bedeutet, dass das Negative, das Gegenteil, nicht ausschließend (entweder das eine oder das andere) gedacht wird, sondern einschließend: Digitales und Analoges entstehen zusammen und erzeugen dabei ein Spannungsfeld, dass immer wieder neu verhandelt und nachjustiert wird. An diese paradoxe Idee der Komplexität, nämlich die Einheit der Vielfalt, als Fundierung von allen Wirklichkeitskonstruktionen kann man nicht oft genug erinnern.

»Digitalisierung ist der Schritt von der Wirklichkeit zur Möglichkeit, von der Einheit der Welt zur Differenz des Systems.« (Baecker 2026, S. 79)

»Die Digitalisierung unterbricht die Eins-zu-eins-Auseinandersetzung mit den Situationen der Wirklichkeit und setzt Entscheidungen, orientiert an Schwellenwerten, an deren Stelle.« (Baecker 2026, S. 97)

Es wird also ständig digitalisiert, für die beraterische Praxis bedeutet dies darauf zu achten, mit welchen Unterscheidungen Digitalisierung vollzogen wird und welche andere Digitalisierungen möglich wären.

Dirk Baecker betont weiterhin, dass das System, das ein Datum erzeugt, seinerseits als zweifach eingebettet bzw. unterschieden beobachtet werden sollte, also eine doppelte Grenzziehung nützlich ist, um das vom System erzeugte Datum zu verstehen. Jedes System ist eingebettet in einem Netzwerk von Elementen in seiner relevanten Umwelt, und das vom System in Beziehung zu seinem relevanten Netzwerk erzeugte Datum muss sich in einer Umwelt bewähren, die Dirk Baecker Ökologie nennt. Und bewähren bedeutet hier, dass das Datum bewertet wird. Der Zusammenhang findet sich in der Notation aus Abb. 1 wieder.

Abb. 1

Ein Datum, d, ist das, was es ist, weil es seine Artikulation aus dem Zusammenspiel von System, Netzwerk, Ökologie und unbestimmt mitlaufender, restlicher Welt, n, gewinnt. Es wird laufend korrigiert, es lernt und es baut ein Gedächtnis auf, das im System und im Netzwerk abgelegt und aufgerufen wird. Es ist das, was es ist, weil es vom System, in dem es errechnet wird, vom Netzwerk, das ihm seine Identität gibt, von der Ökologie, die es ordnet, und von der mitlaufenden, restlichen Welt unterschieden wird. (Baecker 2026, S. 83)

Diese Idee erscheint abstrakt, im Konkreten ist es eine Anleitung, wie Beratung und Führung vorgehen können, um eine beliebige Situation in Organisationen zu lesen: Man schaut, welches System (= Systemreferenz) vor dem Hintergrund welcher Stakeholder und Aspekte aus dem relevanten Kontext (= Netzwerke) mit welchen Unterscheidungen operiert und sich so seine Wirklichkeit (= Daten) konstruiert. Sodann schließt sich sofort die Führungsfrage nach der Überlebensfähigkeit an, an der sich die Wirklichkeitskonstruktion bewähren muss (= Ökologie). Dieser Schritt der Systemauswahl mit dann folgender doppelter Grenzziehung ist die Grundform jeglicher Führungs- und Beratungsarbeit. Und damit ist auch implizit gesagt, dass man eine andere Systemreferenz hätte wählen können, eine Perspektivenvielfalt wird also gleich mitgeliefert. Jedes Datum ist mithin eine Art Knotenpunkt, das in einer Situation von verschiedenen Systemen beobachtet und je unterschiedlich erzeugt wird. „The same is different“ (Ranulph Glanville) und genau so können sich unterschiedliche Systeme miteinander koppeln, sich auf dasselbe beziehen, es aber unterschiedlich lesen und ihre eigenen Informationen daraus ziehen. Dazu zwei Zitate aus dem Buch von Dirk Baecker:

»Daten […] sind eine Form der Interpenetration oder strukturellen Kopplung dieser [vier] Systeme [Technik, Organismus, Bewusstsein, Gesellschaft]. […] [Ein Datum] ist dasselbe Datum in einem jeweils anderen Verwendungszusammenhang – ein klassisches  ‚boundary object‘ im Sinne von Susan Leigh Star.« (Baecker 2026, S. 61f)

»[Daten lassen sich] auch als ein ‚Verbindungsmedium‘ verstehen, das als ‚hochmobile Gesichtspunktmenge‘ der Verknüpfung technischer, organischer, psychischer und sozialer Systeme dient. Luhmann hatte in diesem Sinn Werte als Verbindungsmedium beschrieben, doch passt diese Beschreibung auch auf Daten, wenn man die normative durch eine kognitive Orientierung ersetzt. Werte halten Kommunikationsprämissen fest, auf die man in Situationen unterschiedlicher Art nicht verzichten will, während Daten Lernbereitschaft signalisieren.« (Baecker, S. 66)

Hier führt Dirk Baecker nun also Technik ein als ein weiteres System neben Organismus, Bewusstsein und Gesellschaft. Technik im Allgemeinen kann man verstehen „Feste Kopplung kausaler Elemente“ (Luhmann 2000, S. 364). Technik sorgt dafür, dass neue Kommunikationsmedien entstehen wie die Schrift, der Buchdruck oder auch elektrische bzw. elektronische Medien (Radio, Fernsehen, Computer, Internet, Social Media, KI). 

Digitalisierung als Medienkatastrophe

Im engeren versteht Dirk Baecker unter digitalen Medien 

»alle Formate […], die den Zugang zu analogen Sachverhalten mit ihrer Berechnung und diese Berechnung mit dem Auslesen und Verwenden der Daten vermitteln.« (Baecker 2026, S.12)

Jedes neue Medium führt insofern zu einer Medienkatastrophe, als dass ein Überschuss an bisher nicht gekannten Möglichkeiten entsteht, für die die Gesellschaft einen Umgang finden muss. Der Buchdruck, so Dirk Baecker im Anschluss an Niklas Luhmann, schaffte einen Kritiküberschuss. Alles, was publiziert und in viel stärkerem Maße als vorher verbreitet wurde, konnte aus beliebiger Position und von vielen kritisiert werden. Die Form, mit der dieser Überschuss eingehegt wurde, ist die Vernunft. Die Funktionssysteme haben Praktiken entwickelt, „vernünftig“ mit Kritik umzugehen, z. B.:

  • Wissenschaft: Empirie & Methoden
  • Religion: Konfessionen
  • Politik: Debatten & Parteien
  • Wirtschaft: Konkurrenz
  • Recht: Rechtsordnung & Gerichtswesen

Massenmedien und elektronische Medien sorgen nun für einen weiteren Sinnüberschuss, indem sie sachlich, sozial und zeitlich Möglichkeiten potenzieren und beschleunigen

  • Sachdimension: Granularität – Sachverhalte können beliebig fein aufgegliedert werden, Objekte können mit immer mehr Merkmalen beschrieben und differenziert werden, im Zweifelsfalle viel detaillierter als es die Verarbeitungskapazität von Menschen erlaubt.
  • Sozialdimension: Konnektivität – jeder ist mit jedem verbunden, jeder kann senden und empfangen, auf immer mehr Kanälen.
  • Zeitdimension: Instantaneität – alles kann sofort „auf Knopfdruck“ passieren, immer mehr passiert gleichzeitig.

Dieser Überschuss durch elektronische Medien sorgt nun dafür, dass die Trennung von Funktionssystmen und allgemein Systemen immer stärker unterlaufen wird und Systeme, so könnte man formulieren, stärker unter Druck geraten. Dirk Baecker bezeichnet dies als Kontrollüberschuss in dem Sinne, dass die jeweiligen Systeme von möglichen Daten überflutet werden, dass sie in einer solchen kakofonen Welt herausgefordert werden, den Fokus der Aufmerksamkeit zu steuern. Alles könnte wichtig und im nächsten Augenblick auch ganz anders sein. Sollte die Technik doch für eine einfache Kopplung sorgen und so Komplexität reduzieren, kann man jetzt feststellen, das elektronische Medien als Technik die Dinge durch ihre Steigerungslogik in den drei Sinndimensionen für eine verkomplizierte Komplexitätsbearbeitung sorgen. Lokal ist die Kopplung immer noch kausal determiniert, also einfach, im Zusammenspiel entsteht allerdings Undurchschaubarkeit, die Systeme als Kontrollverlust beobachten. Die binäre Codierung von Funktionssystemen oder auch eine Hauptcodierung von Organisationen mit Nebencodierungen verlieren, die vielfältigen Netzwerkbeziehungen gewinnen an Bedeutung. Eine Vermutung von Dirk Baecker geht nun dahin, dass die Vernunft, die die Antwort der Gesellschaft auf den Kritiküberschuss war, abgelöst wird durch Werte, die Orientierung (= Ordnung) schaffen sollen als Antwort auf den Kontrollüberschuss. Werte wären also eine Form der Kontrolle von Intransparenz. Netzwerke schaffen und erhalten sich in dem Zusammenspiel ihrer Elemente über wechselseitige Kontrolle von Identitäten und Zugehörigkeiten, die mit Werten auf den Begriff gebracht werden können. Für Werte gibt es allerdings keine eindeutige Hierarchie und so müsste man – folgt man den Gedanken von Dirk Baecker – davon ausgehen, dass sich zunehmend (immer mehr und kleinere?) Netzwerke um singuläre Werte oder kleinere Präferenzbündel von Werten herausbilden. Eine Kernkompetenz wird dann immer mehr darin bestehen, kontinuierliches Netzwerk-Switching zu betreiben (= Anschlussfähigkeit im jeweiligen Netzwerk herzustellen) und Wege der produktiven Kopplung von verschiedenen Netzwerken (= Paradoxiemanagement) zu finden. 

KI als mehr vom Gleichen oder doch anders?

Und welchen Unterschied machen nun die neuen KI-Systeme? Damit sind alle Maschine-Learning-Systeme gemeint, die auf Basis von Daten statistisch trainiert wurden und zur Laufzeit d. h. bei Nutzung, mit dem Zufall rechnen. Während man bei den anderen (symbolisch operierenden) technischen Systeme zumindest lokal Kausalität sicherstellen kann, arbeiten diese neuen KI-Systeme lokal zufällig, sie haben über ihr statistisches Training und die Zufallsauswahl im Augenblick der Nutzung (der Grad des Zufalls ist einstellbar über die sogenannte Temperatur) auch lokal Unvorhehsehbarkeit eingebaut, ihr Antwortverhalten ist immer kontingent.

Das könnte einem egal sein, wenn diese Maschinen nicht so Erstaunliches leisten würden: auf vagen Input antworten sie auf eine Weise, die menschlichen Kommunikationsteilnehmern als so sinnvoll erscheint, dass sie antworten und die Antworten der KI verwenden. Ist ein Chat mit einem KI-System Kommunikation? Ist der Austausch zwischen KI-Systemen Kommunikation? Eine abschließende Antwort gab es im Seminar nicht, Dirk Baecker schrieb im Nachgang:

Ja, klar, Computer und KI sind technische Systeme, einstweilen allopoietisch, doch zunehmend in der Lage, eigene Zustände anzunehmen und abhängig von ihnen zu operieren. Damit werden sie selbstreferenziell, wenn auch, vermutlich, noch nicht autopoietisch. Für „Autopoiesis“ müssten sie in der Lage sein, eigene Grenzen zu ziehen und die Arbeit an dieser Grenze als Modus der Reproduktion nutzen. Die Informatik arbeitet daran, diese Voraussetzungen zu erfüllen. Ontologische Vorentscheidungen helfen hier nicht weiter, sondern nur: Beobachtung des Stands der Dinge, so weit sie möglich ist.

Unabhängig von der Frage, ob KI-Systeme als funktionales Äquivalent zum Menschen an Kommunikation teilnehmen können, kann man, auch in Organisationen, beobachten, dass KI-Systeme Entscheidungen treffen, die in Organisationen anschlussfähig sind und von der Organisation als Entscheidung der Organisation behandelt werden. Das gilt z.B. für Computer-Code, der nicht vollständig von Menschen geprüft und verstanden wurde und trotzdem in Livesystemen genutzt wird, oder für KI-Antworten, die zwar Menschen zugeschrieben werden, aber von der KI erzeugt und ungeprüft übernommen wurden. In dem Maße, wie KI-Systeme autonomer werden, Ziele verfolgen und dabei auch nicht vorhergesehene und ungewollte Dinge entscheiden, wird es vorstellbarer, dass diese KI-Systeme nach Computer, Internet und Social Media eine neue Form von Sinnüberschuss produzieren, nämlich einen Bewertungsüberschuss. Solche Systeme können viel mehr und viel schneller entscheiden als Menschen. Gibt man ihnen entsprechende Werkzeuge, zur Zeit vor allem digitale (z. B. Zugang zu Laufwerken, Servern, Emailkonten, digitalen Systemen, Credentials oder Kreditkarteninformationen), aber wahrscheinlich zunehmend mit Robotik auch physische, so werden ihre Entscheidungen Konsequenzen haben. Und wenn sich ihre Entscheidungen ausreichend bewähren, werden die Systeme eingesetzt werden. Somit stellt sich für die Gesellschaft nicht mehr nur die Frage, wie mit dem Kontrollüberschuss vielfältigster Daten / Informationen umgegangen werden soll, sondern auch, wer was in Zukunft wie bewerten, also entscheiden wird. Eine Antwort darauf konnte das Seminar nicht geben, aber mich hat es darin bestärkt, …

  • Die Entwicklung von KI-System sehr genau weiter zu beobachten. 
  • Darauf zu achten, wie sich Entscheidungsprozesse (in Organisationen) durch KI ändern.
  • Darüber nachzudenken, wie ich beim Einsatz von KI-Systemen sehr genau Grenzen ziehe. 
Literatur

Baecker, D. (2026) Digitalisierung. Berlin (Suhrkamp).

Luhmann, N. (2000) Organisation und Entscheidung. 3. Auflage. Wiesbaden (Westdeutscher Verlag).