Unterschiedsbildung

Von Timm Richter

Fragetechniken sind ein wesentliches Rüstzeug der systemischen Beratung. Genau deswegen werden sie auch in unserer Ausbildung zur systemischen Organisationsberatung ausgiebig geübt. Wer sich dabei nur auf die einzelnen Techniken, also die handwerkliche Praxis konzentriert, läuft Gefahr, die theoretische Grundlage – man könnte auch „Pointe“ sagen – zu verpassen. Bei allen Fragetechniken geht es „nur“ darum, Unterschiede sichtbar zu machen – that‘s it. Aber das ist sehr wirkmächtig, entweder, weil man (latent) verwendete Unterschiede sichtbar macht bzw. expliziert oder aber neue, auch mögliche Unterschiede einführt, die dann einen Unterschied machen. Immer geht es darum, an den Wirklichkeitskontruktionen des zu beratenden Systems zu arbeiten, die (nur) auf Unterschiedsbildung beruhen.



Eine der wichtigsten Unterscheidungen in der Beratung ist die zwischen Problem und Lösung. An ihr kann man auch gut deutlich machen, was Unterschiedsbildung allgemein bedeutet. Eine Unterscheidung ist eine Form mit zwei Seiten, wobei in der Verwendung eine Seite markiert (=bezeichnet) ist und die andere unmarkiert bleibt. Ruft jemand z.B. „rot“, so wurde etwas bezeichnet, also eine Unterscheidung verwendet. Welche Unterscheidung es war, kann man aber nur wissen, wenn man auch die unmarkierte Seite kennt, die in der Regel durch den Kontext nur impliziert mitgeliefert wird, mithin interpretationswürdig ist. Vor einer Ampel unterscheidet man mit „rot“ ’stehenbleiben‘ von ‚Straße überqueren‘, in der Politik die SPD (oder linke Parteien?) von allen anderen oder den Schwarzen, im Kontext von Emotionen markiert „rot“ Wut oder auch Liebe.

Zurück zu Problem – Lösung. Ein Problem gibt es auch nur im Unterschied zu einer Lösung, beide gehören untrennbar zusammen, bedingen einander. Wer Probleme hat, kennt im Prinzip auch Lösungen, ansonsten könnte man das Problem gar nicht erkennen. Und wer Lösungen sucht, hat auch eine Idee davon, was an der Abwesenheit von Lösungen problematisch ist. Mit unterschiedlichen Fragetechniken wird das Verhältnis von Problem und Lösung geklärt, wird herausgefunden, mit welchen Merkmalen das zu beratende System die Grenze zwischen Problem und Lösung zieht. Die markierte Seite (bei problemfokussierten Ansätzen: Problem | bei lösungsorientierten Ansätzen: Lösung) wird dadurch geklärt, dass die implizit und unmarkiert mitlaufende andere Seite der Unterscheidung beleuchtet wird. In diesem oszillierenden, zirkulären Prozess wird die Unterscheidung von Problem und Lösung in die Kommunikation gebracht und damit gestaltbar, d.h. die Kontingenz der Unterschiedsbildung wird sichtbar. Fragetechniken ermöglichen Sensemaking (Unterschiedsbildung) im Sinne von Karl Weick: Woher soll ich wissen, was mein Problem ist, bevor ich nicht gehört habe, was eine Lösung sein könnte?