Das 12. swf Jahresforum 2026 – Unter Anwesenden

Referentinnen, Aufzeichnungen und Vorträge

Einführungsvortrag von Dr. Gerhard Krejci und Torsten Groth – »Unter Anwesenden«

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Der Interaktionssoziologe Dr. Thomas Hoebel wird beitragen mit einem Vortrag zur: „Politik der Interaktion: Sich (weiter) im öffentlichen Raum bewegen und begegnen (können)“

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Gefährdete Interaktionsordnungen

Es gilt so manchen als selbst­verständlich, sich im öffentlichen Raum einiger­maßen unbeschadet bewegen und begegnen zu können. Erving Goffman, dessen Arbeiten in diesem Impuls besonders gewürdigt werden sollen, hat wie kaum ein anderer dazu beige­tragen, diese besondere „Interaktions­ordnung“ soziologisch zu durch­denken und begreiflich zumachen. Dass diese Selbst­verständ­lich­keit jedoch nur eine vermeintliche ist und sie immer wieder aufs Neue der Her­stellung bedarf, darum soll es ebenso gehen. Für Viele ist sie gar nicht (oder nicht mehr) gegeben. Hintergrund der Über­legungen ist eine aktuelle empirische Studie zu schrumpfenden demokra­tischen Räumen.

Die Konfliktsoziologin Prof. Teresa Koloma Beck schließt thematisch an mit dem Fokus auf

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„Beschädigte Identitäten im Zeichen der autoritären Wende“

Gesellschaft als Aufführung – das ist eine zentrale Einsicht der inter­aktionistischen Soziologie: Menschen stellen sich in Begegnungen stets selbst und die Situation dar, während sie gleich­zeitig die Dar­stellungen anderer deuten. Bisweilen führen gesellschaft­liche Vor­stellungen und Normen dazu, dass Personen regel­mäßig erleben, dass der Eindruck, den andere in der Interaktion von ihnen gewinnen, von ihrem Selbst­empfinden weit entfernt ist. Die Fremdzu­schreibung wird zur Falle und das Selbst­bild dauerhaft durch gesellschaft­liche Bewertung, Zuschreibung und Ausschluss­mechanismen verletzt. Goffman spricht dann von »beschädigter Identität«. Der Vortrag diskutiert solche Dynamiken im Kontext fort­schreitender Illiberalisierung – und fragt, welchen Beitrag Forschung und auch Beratung leisten können.

Die Gruppendynamikerin und Soziologin a.o. Prof. Eva Flicker wird sich in ihrem Vortrag mit der Gender-Differenzierung in Interaktionsprozessen beschäftigen.

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Schon wieder Geschlecht?…  Ist man versucht zu fragen …

Dazu ist doch schon längst alles erforscht und debattiert… Ein verführerisches Missverständnis. Viele Geschlechter?… Wie viele brauchen wir denn und wofür? In unterschiedlichen Kontexten und gesetzlichen Grundlagen erfolgt geschlechtliche Differenzierung in immer vielfältigerer Weise. Selbst Gender­forscher*innen verlieren mitunter den Über­blick. Und auch wenn es in Theorie und Praxis zahlreiche Ansätze der (funktionalen) De-Thematisierung von Geschlecht gibt, es klappt irgendwie nicht. Im Kontext einer Gesell­schaft, die sich in immer breiter werdendem Konsens zu Geschlechter­fairness bekennt, schleicht sich die Paradoxie der Gleich­zeitig­keit von geschlechtlicher Gleich­stellung und Diskriminierung immer wieder ein. Wie? Und warum? Insbesondere unter Anwesenden sind wir nicht zuletzt aufgrund unserer eigenen Geschlechtlichkeit täglich gefordert, Wahrnehmungen, Beobachtungen und Kommunikation in Bezug auf Geschlecht zu sortieren. Mit einiger Neugier kann dabei immer wieder aufs Neue erfahren und hinter­fragt werden, wie Geschlecht im Hier und Jetzt einen Unter­schied macht, der mit vielen weiteren sozialen Unterschieden wirksam wird. Die gruppen­dynamische Trainings­gruppe ist ein besonderes Lernformat, in dem es die seltene Chance gibt, unter Anwesenden unmittelbar über Geschlechter­differenzierung, damit verbundene blinde Flecken und über Abwehr­mechanismen gegen eine Genderperspektive zu lernen. 

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Ausschnitt von der Einstimmung zu einem der Tagungssongs „Take a walk on the wild side“.

Gerald Hirt stellt als Geschäftsführer des Hamburg Vessel Coordination Center (HVCC) vor, wie Terminalbetreiber, Reedereien sowie nautische Dienstleister mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen und hoheitlichen Interessen, erfolgreich zusammenarbeiten, um „komplexe maritime Abläufe“ auf der Elbe optimal zu koordinieren.

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„Ein Schiff wird kommen … und noch eines … und noch eines!“

Wer einmal die Elbe und die vielen großen Schiffe auf dem Fluss und im Hafen gesehen hat, wird sich gefragt haben, wie dieses funktioniert. Es gibt eine Vielzahl an Regelungen, wann sich wo welches Schiff begegnen darf, hinzukommen die Berücksichtigung von Tidezeiten, Wettereinflüssen, Verzögerungen in der Be- und Entladung an den Terminals etc. – eine fortlaufende Koordinierungsaufgabe!

Gerald Hirt stellt als Geschäftsführer des HVCC Hamburg Vessel Coordination Center GmbH vor, wie das HVCC als weltweit einzigartiges Joint-Venture und als Kooperationsplattform funktioniert. Vorgestellt wird, wie Terminalbetreiber, Hafenbehörde, Reedereien, sowie nautischen Dienstleistern mit sehr unterschiedlichen wirtschaftlichen oder hoheitlichen Interessen erfolgreich zusammenarbeiten, um die erwähnten „komplexen maritime Abläufe“ optimal zu koordinieren.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Ermöglichung überbetrieblicher Zusammenarbeit mitsamt des Weges, wie Change-Management und IT-Prozesse notwendig waren, um traditionelle Strukturen und Prozesse aufzubrechen und eine offene, kollaborative Arbeitskultur sowie Datentransparenz zu etablieren. Teilnehmende erhalten so Einblicke in die Herausforderungen und Chancen von überbetrieblichen Teamdynamiken innerhalb eines hochkomplexen Hafenökosystems.

Mit den Organisationsberatern Udo Kluttig und Christian Oberberg haben wir zwei Experten gewinnen können, die direkt mit Professionsgruppen arbeiten, die qua Rolle, in Ausübungen ihres Berufs, immer wieder in Situationen kommen, die eskalieren können.

Sie bieten Trainings und Schulungen zur De-Eskalation an und beraten z.B. Bahnbetreiber, Sicherheitsdienste und Kliniken in Fragen der Gewaltprävention. In ihrem Beitrag zum Jahresforum geben beide eine Übersicht zu ihren Tätigkeitsbereichen und zeigen Beispiele aus ihren Trainings: Wie findet die Ansprache von gestressten Personen statt, wie wird auf Aggression reagiert, wie kann der Einsatz von Bodycams helfen, Eskalationen zu vermeiden etc.

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„Eskalationen und De-Eskalationen in öffentlichen Räumen“
„Die Zündschnur wird kürzer“, so der Anschein – immer öfter liest man von (Gewalt-)Eskalationen im öffentlichen Raum, mit zum Teil dramatischen Ausgängen. Man denke an den tragischen Tod des Zubegleiters Serkan Çalar, kürzlich im Kreis Kaiserslautern, oder auch an Gewaltausbrüche in Notfallaufnahmen, an Angriffe gegen Sanitäter im Einsatz …

Während ein Großteil von uns nur von den Eskalationen hört und liest, gibt es Professionsgruppen, die qua Rolle, in Ausübungen ihres Berufs, immer wieder in Situationen kommen, die eskalieren können. Neben den erwähnten Professionen der Zugbegleiter:innen oder auch Klinikmitarbeiter:innen sind oft auch Mitarbeiter:innen von Ordnungsämtern (bzw. generell von Behörden, die staatliche Kontrollaufgaben übernehmen) betroffen. Sie alle sehen sich konkret oder potenziell Aggressionen ausgesetzt und müssen grundlegend lernen, diese Situationen zu beherrschen.

Mit den Organisationsberatern Udo Kluttig und Christian Oberberg haben wir für unser Forum zwei Experten gewinnen können, die direkt mit den benannten Berufsgruppen arbeiten. Sie bieten Trainings und Schulungen zur De-Eskalation an und beraten z.B. Bahnbetreiber, Sicherheitsdienste und Kliniken in Fragen der Gewaltprävention. In ihrem Beitrag zum Jahresforum geben beide eine Übersicht zu ihren Tätigkeitsbereichen und zeigen Beispiele aus ihren Trainings:
– Wie findet die Ansprache von gestressten Personen statt,
– wie wird auf Aggression reagiert,
– wie kann der Einsatz von Bodycams helfen, Eskalationen zu vermeiden
– wie kann Führung die gefährdeten Personengruppen unterstützen.

Die Soziologin und Supervisorin Dr. Hella Dietz diskutiert am Beispiel von herausfordernden Diskussionen zwischen Studierenden an der Alice Salomon Hochschule für Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung Muster von und Umgangsweisen mit Störungen.

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Wenn Störungen stören – und Interaktion in Gruppen uns herausfordert

Störungen haben in der systemischen Beratung eigentlich einen guten Ruf: Wir wollen „stören statt steuern“, weil wir komplexe soziale Systeme nicht zielgerichtet lenken können; wir betonen, dass „Störungen Vorrang haben“ – und heißen sie als Ansatzpunkt für Veränderung willkommen. Was aber, wenn eine Störung zu sehr stört? Wenn in einem Seminar zu diversitätssensiblen Methoden der Anspruch, offen zu kommunizieren, und der Versuch, möglichst sensibel zu sprechen und niemanden zu verletzen aufeinandertreffen. Wenn in lockerer Runde ein politisches Thema plötzlich zu einem Minenfeld zu werden scheint. Was genau stört in solchen Fällen die Interaktion? Und was war schon einmal hilfreich, um solche Störungen (anders) besprechbar zu machen?

Hella Dietz, promovierte Soziologin, freiberufliche Supervisorin, Paar- und Organisationsberaterin, lehrt an der Alice Salomon Hochschule Beratung, Konfliktbegleitung und Supervision, und unternimmt in diesem Beitrag für das Jahresforum eine interaktive Erkundungsreise: Wie lassen sich diese Art von Störungen genauer beschreiben? Und wie können wir im (Beratungs-)Alltag anders mit ihnen umgehen? 

Im Workshop der Gruppendynamikerinnen Johanna Dietl und Finja Pfundner wird psychologische Sicherheit als dynamischer, dialektischer Prozess betrachtet, der nicht aus der Abwesenheit von Unsicherheit entsteht, sondern aus dem ständigen Wechselspiel zwischen Sicherheit und Unsicherheit in Teams.

Psychologische Sicherheit entsteht nicht im Wohlfühlraum, sondern dort, wo Teams Unsicherheit aushalten und gemeinsam bearbeiten.

Psychologische Sicherheit gilt als zentral für Zusammenarbeit und Lernen in Organisationen, doch wie sie sich in konkreter Interaktion entwickelt oder auch wieder erodiert, ist erstaunlich wenig verstanden.
In ihrem Workshop eröffnen die Referentinnen eine Probebühne, auf der die Teilnehmenden selbst erfahren, wie psychologische Sicherheit tatsächlich entsteht: nicht durch Vorgaben oder Appelle, sondern in Momenten von Unsicherheit.
Eine solche Probebühne wird dabei zum geschützten Lernraum jenseits der organisationalen Vorderbühne – ein Raum, in dem Ausprobieren, Reflektieren und Neu-Interpretieren gleichzeitig möglich sind.
In Rahmen interaktiver Übungen erleben die Teilnehmenden selbst, wie das Ansprechen von Unsicherheiten zu mehr Klarheit und Vertrauen führt. Ein Workshop für alle, die psychologische Sicherheit nicht als Buzzword, sondern als gelebte Praxis verstehen wollen.

Torsten Groth wirft einen systemtheoretischen Blick auf das Interventionsrepertoire der systemischen Beratung im Zusammenspiel von Psyche, Interaktion und Organisation.

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Alles was in Organisationen passiert, vollzieht sich in Interaktionen. Selbst wenn es zur Professionalität von – nicht nur systemischen – Organisationsberatungen gehört, die „organisationsvergessenen Organisationen“ (Luhmann) daran zu erinnern, dass sie Organisationen sind (… mit „Logiken“, „lokalen Rationalitäten“, „Paradoxien“ etc.), so dürfen Interaktionskonzepte und -kompetenzen nicht zu kurz kommen.

Schließlich passiert auch Beratung zu einem Großteil in Interaktionen – wir nennen dies das Beratungssystem. Erfolg und Misserfolg von Beratung hängt mit davon ab, wie eine wirksame Beziehung zum Kunden aufgebaut wird. Abstrakt gesprochen geht es um die Balancierung von „Anschluss“ & „Irritation“. Konkret geht es um Formulierungskünste, schnelle Reaktion auf Überraschungen, der Umgang mit Unmut und Ärger oder auch mit (strategischen) Schmeicheleien.

All dies bildet die Basis, um direkt wirkungsvoll an Interaktionsmustern beim Kunden zu arbeiten  oder in den Mustern an Organisationsmustern zu arbeiten. – Klingt kompliziert, gehört jedoch zum Alltag von Beratung (… und übrigens auch von Führung). – Auf dem Forum wird Torsten Groth Strategien vermitteln, wie in Interaktion wirkungsvoll mit Interaktionssystemen gearbeitet werden kann. Lasst Euch überraschen oder einfach auch nur erinnern, an vergessene Interview- und Interventionsstrategien … Und wer weiß, ggf. wird alles auch in systemische Gebote verdichtet.

Der Teamentwickler Michel Eggebrecht zeigt auf, wie informelle Spielregeln in Teams erkannt und verändert werden können.

Prof. Florian Grote (CODE University) und Timm Richter nehmen den Faden vom 11. swf-Forum »Kommunikation und KI« auf und teilen ihre Gedanken, Erkenntnisse (und KI-Assistenten) zu Interaktion mit KI. Sie richten ihren Fokus auf die Frage, wie der Einsatz von Sprach­assistenten bereits heute Interaktionen in Teams begleiten und beeinflussen kann.

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Mittendrin oder nur dabei? – KI in Interaktion
Wer KI als Sprachassistenten nutzt, kennt das Prinzip: Ich frage, sie antwortet, fertig. Aber was passiert, wenn KI plötzlich nicht mehr nur Werkzeug ist, sondern live in Interaktionen eingreift – in Diskussionen, Workshops, Teamsitzungen?

Dann stellen sich plötzlich ganz neue Fragen: Welche Rollen kann oder soll KI übernehmen? Moderatorin? Protokollantin? Provocateurin? Beraterin? Führungskraft? Wie reagieren die Teilnehmer:innen, wenn plötzlich noch jemand mitspricht, der kein Mensch ist? Und wie verändert sich Kommunikation, wenn alle wissen: Da hört und denkt noch jemand mit, der das Gespräch außerdem sehr genau protokolliert und keine Äußerung vergisst?

Es wird deutlich: KI im Raum stellt eine Irritation dar, die Frage ist, wie sie so eingebunden werden kann, dass es zu einer hilfreichen Irritation wird. Florian Grote, Professor an der CODE University und Timm Richter, swf, wollen darüber nicht nur nachdenken, sondern es ausprobieren. Anstatt über KI zu sprechen, gestalten sie eine Live-Diskussion mit KI und Workshop-Teilnehmer:innen. Eine Versuchsanordnung, in der alle Beteiligten am eigenen Kommunikationsverhalten erleben können, was passiert, wenn die Grenze zwischen Werkzeug und Teilnehmer verschwimmt und nicht mehr ganz klar ist: Wer spricht hier eigentlich mit wem?


Methodisch haben wir uns dieses Mal auch etwas Besonderes überlegt. Natürlich soll Interaktion unter den Teilnehmenden ermöglicht und gefördert werden. Wie wir das machen, ist noch eine kleine Überraschung …

Wir freuen uns auf Anwesenheit!