Wie wirkt (systemische) Beratung?

von Timm Richter

Stefan Kühl hatte vor einiger Zeit auf LinkedIn in einem Beitrag Fragen zum Verhältnis von Organisationsberatung / -soziologie und Systemtheorie gestellt. Diesen Impuls nehme ich gerne auf, um über die Nützlichkeit von Systemtheorie im Kontext Organisationsberatung zu reflektieren.

Systemische Berater:innen suchen auf unterschiedliche Weise nach neuen und anderen Unterschieden

Doch zunächst die drei Fragen von Stefan Kühl aus dem LinkedIn Post:

  • Kann die Systemtheorie bei der Lösung von Praxisproblemen helfen?
  • Ist die Popularität der Systemtheorie im Management von Organisationen nicht auch nur eine Mode?
  • Gibt es nicht nur eine systemtheoretische, sondern auch eine systemische Organisationssoziologie?

Zu der letzten Frage, allerdings in Bezug auf Organisationsberatung haben Torsten Groth hier und ich hier unsere sehr kompatiblen Sichtweisen dargestellt, an denen sich erkennen lässt, wie swf Systemtheorie in der Beratung verwendet. Wobei Fritz B. Simon zu Recht ergänzen würde, dass es die Systemtheorie nicht gibt. Diese Feststellung ist auch für die zweite Frage relevant. Ich teile die Beobachtung von Stefan Kühl, dass sich immer wieder Managementmoden zeigen: Wenn eine Idee, eine Theorie oder eine bestimmte Vorgehensweise (in einem begrenzten Kontext) zu funktionieren scheinen, so werden diese populär und im Prozess ihrer Verbreitung durch ständige Verwässerung / Verallgemeinerung zu einem Containerbegriff, der am Ende von ganz vielen verwendet wird und dabei nur noch sehr wenig, weil eben alles und nichts bedeutet. Und ja, ich beobachte in meiner Bubble der systemischen Organisationsberatung die Tendenz, dass sich mehr, vor allem ehemals agile Berater:innen, dem Systemischen zuwenden, was mich freut. Wobei die systemische Organisationsberatung im gesamten Beratungsmarkt doch recht klein und Popularität somit ein relatives Phänomen ist. Aber ja, es gibt keinen Grund, das Phänomen der Managementmoden nicht auch bei den eigenen Theorien für möglich zu halten. Die Systemtheorie (nein: eine Systemtheorie, die ich im Sinn habe) fordert dazu auf, alles reflexiv (auch auf sich selbst) zu wenden.

Ob bereits populär oder nicht, in meiner Praxis erscheint mir mein systemtheoretischer Blick nützlich zu sein in dem Sinne, dass er einen Unterschied macht, der für mich einen Unterschied macht. Meine Antwort für auf die erste Frage von Stefan Kühl, ob Systemtheorie bei der Lösung von Praxisproblemen helfen kann, lautet also:

Ja! Und: Aber nicht immer, es kommt darauf an, und vielleicht anders als man denkt … 

Systemtheoretisch informiert möchte ich in diesem Beitrag meinen Blick auf die Wirkung von Beratung darlegen1.

Systemtheoretisch informiert erscheint die Wirkung von Beratung paradox

Wenn Theorie bei der Lösung von Praxisproblemen helfen soll, so ist damit in den allermeisten Fällen2 die Vorstellung und der Wunsch verknüpft, dass die Theorie Berater:innen in die Lage versetzt, „richtige“, also stets wirksame Lösungen zu finden. Mit einer funktionierenden Theorie will man jede Situation so erklären, dass die zu verschreibende Lösung auf der Hand liegt, im besten Falle ausrechenbar ist. Dies ist nichts anderes als der Wunsch nach einer sehr engen – also technischen – Kopplung von Problem und Lösung, die durch die Theorie hergestellt werden soll. Wenn dies funktionieren würde, dann könnte man Beratungsleistungen standardisieren, professionalisieren und überprüfbare Qualitätsmerkmale sicher angeben. Dies wäre dann auch die Grundlage für Standesverbände oder Zertifizierungen, weswegen Verbände oder Zertifizierer ein nachvollziehbares Interesse daran haben, die Idee der Instrumentalität aufrecht zu erhalten. Und auch zu beratende Organisationen haben etwas von dieser Idee, denn dann können sie ihr Problem dadurch lösen, dass sie eine zertifizierte Beratung finden und sich außerdem dadurch vor der Verantwortlichkeit für Fehlentscheiden schützen, eine qualitativ abgesicherte Beratung zu beauftragen.

Empirisch scheint sich der Wunsch allerdings nicht zu erfüllen. In meiner Beratungspraxis stelle ich jedenfalls fest, dass viele Probleme in Organisationen hartnäckig bestehen bleiben und meine Interventionen im besten Falle, aber durchaus nicht immer, zu – von Kunden bestätigten – vorübergehenden Linderungen führen, dass die Kunden also einen Weg finden, wie es für sie für den Augenblick (besser?) weitergeht. In der Physik gibt es die eine Theorie von Newton zur klassischen Mechanik, die sich in ihrem Gültigkeitsbereich3 bewährt hat, in der Organisationssoziologie und der Beratung gibt es eine Vielzahl unterschiedlichen Theorien und Denkschulen, so dass offenbar für das Soziale und damit auch für Organisationen sich bisher keine allgemeingültige Theorie hat finden lassen.

Auch „die“4 Systemtheorie bietet hier keine Lösung (= rezeptartige Verschreibung) erster Ordnung, unter anderem deshalb, da sie die Frage so gar nicht stellt. Sie startet nicht mit der Beobachtung erster Ordnung (Was ist die theoretische Lösung für dieses praktische Problem?), sondern nimmt die Position der Beobachtung zweiter Ordnung ein (Wie führen welche Theorien zu welchem Umgang mit praktischen Problemen?). Grundlage und Startpunkt ist die Annahme (= Setzung), dass soziale Systeme (und Psychen) sich als Systeme selbst erzeugen und operativ geschlossen sind. Wenn man so startet, verneint man die Technisierbarkeit der Wirkung von Beratung. Denn dann folgen die Systeme (Organisationen, Teams, Psyche) ihrer eigenen internen Logik. Sie informieren sich selbst über Impulse aus ihren relevanten Umwelten und ziehen ihre eigenen Schlüsse daraus. Systemtheoretisch informiert wird die Beziehung zwischen Berater:innen und dem zu beratenden System zirkulär gedacht, in ihrer Kopplung beeinflussen sich die Systeme wechselseitig, wobei die innere Logik des jeweils anderen Systems nie erkennbar ist, sondern man nur auf Basis von beobachtbaren Phänomenen eigene (partielle) Erklärungsmodelle entwickeln kann. Mit einer systemtheoretisch informierten Brille suchen Berater:innen nicht nach instruktiv kontrollierenden Ursache-Wirkungs-Kausalitäten, sondern erklären sich die Herausforderungen von Beratung mit paradoxen Verhältnissen:

  • Weil man als Berater:in darauf verzichtet, Wirkung erzielen zu wollen, wird Wirkung möglich. Berater:innen sind dann wirksam, wenn sie weniger wollen als das zu beratende System.
  • Weil jedes zu beratende System einzigartig ist, suchen wir nach Professionalität, die auf Basis von Erfahrung übertragbare Generalisierungen leisten soll. Und gleichzeitig führt uns die Anwendung von Professionalität stets vor Augen, dass standardisierte Ansätze in jeder Situation einzigartig und beschränkt vorhersehbar wirken. Systemtheoretisch informiert sucht man nach Professionalität in dem Wissen, dass man sie im strengen Sinne nicht erreichen kann. Dieses Wissen kann für Demut und neugierige Offenheit in jedem Augenblick des beraterischen Tuns sorgen.
  • Die Idee der Unlösbarkeit (= man kann es nicht sicher richtig machen) eröffnet den Möglichkeitsraum für kreative Lösbarkeit. Man kann gelassener und kreativer werden.

Systemtheorie verändert den Kontext, in dem Beratung stattfindet. Systemtheoretisch informierte Berater:innen verhalten sich anders als Fachberater:innen – und damit soll nicht gesagt sein, dass das eine besser ist als das andere. Je enger der Kontext gezogen wird, also das Problem durch Vorannahmen eingeschränkt wird, desto besser ist in diesem lokal eingeschränkten Kontext Fachberatung, also eine engere technische Kopplung von Problem und Lösung möglich. Wer schon weiß, dass er sein SAP-System in die Cloud bringen möchte, der ist mit Fachberater:innen gut beraten … aber lebt mit dem Risiko, dass diese Umstellung die Antwort auf eine Frage ist, die sich im Nachhinein als falsch herausstellt.

In diesem Sinne verstehe ich auch die Feststellung von Stefan Kühl aus seinem Post:

Je kleiner die organisationssoziologischen Theoriefiguren sind – beispielsweise Unterwachung von Vorgesetzten, die Unterscheidung von Zweck- und Konditionalprogrammen, die Funktion von Schauseiten von Organisationen, Grenzen zweckrationaler Organisationsmodelle oder brauchbare Illegalität – desto besser sind sie zu operationalisieren und desto hilfreicher sind sie in der Praxis.

Kleine Theoriefiguren können dann funktionieren, wenn das zu lösende Problem hinreichend eng definiert ist, z.B. die Gestaltung von Vorgesetzten – Mitarbeitenden – Beziehungen (Unterwachung), die Gestaltung von Vorgaben in der Sache (Programmierung) oder die Rahmung von Informalität (Brauchbare Illegalität). Dies ist, wenn man so möchte, der Versuch der Konditionalprogrammierung (Toolisierung?) beraterischer Praxis. Daraus ergibt sich dann das Folgeproblem, in welchem Kontext man denn welche Theoriefigur auf welche Weise am besten ansetzt – die Unsicherheit ist an eine Stelle geschoben, wo sie (im Moment) weniger auffällt.

Der Wert der Systemtheorie ist zweifach: Zum einen ist es die Systemtheorie, die überhaupt erst diese kleinen Theoriefiguren erzeugt hat, man könnte ja auch auf andere Ideen kommen (z.B: Servant Leadership, klare Zielformulierungen oder die Technisierung von formalen Regeln). Ein Verständnis von Autopoiesis, Selbstreferenz oder Komplexitätsreduktion liefert einen erweiterten Kontext und damit Spielfähigkeit und Flexibilität in der Anwendung der kleinen Theoriefiguren. Zum anderen lädt sie zu der Beobachtung zweiter Ordnung ein, nämlich sich selbst beim Anwenden der kleinen Theoriefiguren zu beobachten und dabei stets zu prüfen, welche anderen (kleinen) Theoriefiguren (auch die von Fachberatungen!) u.U. im Augenblick nützlicher sein könnten und in welchem Kontext das Problem wie konstruiert wird (im Soziologen-Sprech: die Betrachtung funktionaler Äquivalente und die Explizierung des Bezugsproblems).

Wer abstrakte Theorie als Kontext und Rahmung mitlaufen lässt, hat eine weitere Möglichkeit / Dimension (= Steigerung von Eigenkomplexität), eine einzigartige Situation auf verschiedene Weisen zu rahmen, um dann Theoriefiguren dafür auszuwählen und anzupassen.

Im Kern wirkt Beratung genau dann, wenn durch Unterschiedsbildung eine anschlussfähige Irritation erzeugt wird

Was machen nun also systemisch informierte Berater:innen in ihrer Praxis (anders als vielleicht Fachberater:innen)? Niklas Luhmann hat eine wesentliche Funktion von Berater:innen so formuliert:

Der Berater kann dann Theoriegrundlagen suchen und verwenden, die von ihrer Struktur her dem beratenen Unternehmen nicht zugänglich sein können. Er kann sich in besonderem Maße für latente Strukturen und Funktionen interessieren. Sobald der Berater beginnt zu beobachten, wie das Unternehmen beobachtet oder wie im Unternehmen beobachtet, das heißt unterschieden und bezeichnet wird, kann er den Problemen dieses Systems einen Sinn geben, über den das System selbst nicht verfügen kann.

Kommunikationssperren in der Unternehmensberatung, in: Schriften zur Organisation 4, S. 443

James March formuliert eine ähnliche Idee als „anschlussfähige Irritation“ vielleicht anschlussfähiger. Als Berater:in führt man andere / neue Unterscheidungen in die Kommunikation ein, die (vielleicht) die Wirklichkeitskonstruktion des zu beratenden Systems verändern, im besten Falle sogar auf eine Weise, die im weiteren Verlauf durch das zu beratende System als nützlich bewertet wird, so dass dieses die veränderte Wirklichkeitskonstruktion beibehält. Beratungen werden meistens dann geholt, wenn Probleme hartnäckig bestehen bleiben, das zu beratende System sich also nicht in der Lage sieht, das (selbst erzeugte) Problem selbst zu lösen. Neue und andere Unterscheidungen können dazu führen, dass die aktuell als problematisch erlebte Situation anders beschrieben, erklärt oder bewertet wird. Gängige Verschiebungen in der Verwendung von Unterscheidungen (= weitere kleinere Theoriefiguren) wären z.B.:

  • Statt „Problem/Lösung“ vielleicht „Symptom/Funktion“
  • Statt „Schuld/Unschuld“ vielleicht „Muster/Kontext“
  • Statt „richtig/falsch“ vielleicht „funktional/dysfunktional“

Solche neuen Unterscheidungen können die Selbstbeobachtung des Systems – und damit seine Operationen – reorganisieren. Die Wirkung entsteht dann durch:

  • Die Fokussierung der Aufmerksamkeit auf bisher unbeobachtete Zusammenhänge
  • Das Reframing von Problemkonstruktionen
  • Die Eröffnung alternativer Beobachtungsperspektiven
  • Die Benennung von Mustern und deren Funktionalität in der Kommunikation

Das mentale Modell einer Kamera (siehe Bild oben) bietet ein nützliches Suchraster nach Unterschieden. Man kann (1) in der Sach-, Sozial- und Zeitdimension raus- oder reinzoomen, d.h. Kontexte erweitern oder ausblenden, (2) die Beobachterperspektive bzw. die Systemreferenz wechseln oder andere „Filter“ beim Beobachten verwenden, z.B. Beschreiben, Erklären und Bewerten trennen.

Es geht um Bedingungen der Möglichkeit, die Wahrscheinlichkeit von Wirkung zu erhöhen

Der Nachteil der Systemtheorie (im Gegensatz zu anderen Theorien oder Managementmoden) ist es, dass sie nicht behauptet, die Lösung für konkrete Probleme zu kennen. Das schränkt ihre Begehrlichkeit bei Kunden ein. Gleichwohl vermute ich, dass gerade erfahrene Manager:innen durchaus die Annahme teilen, dass es stets „nur“ darum gehen kann, Bedingungen der Möglichkeit zu schaffen, die Wahrscheinlichkeit von Wirkung in eine gewünschte Richtung zu erhöhen. Und das ist dann doch nicht wenig. Eine systemtheoretisch informierte Beratungspraxis wird m.E. versuchen, die Wahrscheinlichkeit von erwünschter Wirkung durch den Fokus auf folgende Aspekte zu erhöhen:

  1. Die Qualität der Beziehung zwischen Beratung und zu beratendem System – nicht als „warmes Gefühl“, sondern als Medium, in dem Vertrauen die Exploration von anschlussfähiger Irritation ermöglicht
  2. Systemisches Verständnis von Einflussnahme – nämlich Angebote machen statt kontrollieren, Kontextsteuerung statt direkter Instruktion
  3. Paradoxie-Bewusstsein – die Fähigkeit von Berater:innen, paradoxe Rahmungen auszuhalten, sogar zu nutzen, um sie produktiv zu machen, indem fortwährend die eigene Praxis von außen reflektiert wird, mit anderen / neuen Unterscheidungen beim Kunden Unterschiede zu machen, die dort einen Unterschied machen.

(System)theorie informiert eine Heuristik, z.B. kleinere Theoriefiguren, die in bestimmten Kontexten nützlich sein können, eine Fragetechnik, die Kontexte sichtbar und Kontext-Switching erleichtert sowie Interventionsformate, die die Eigenlogik des zu beratenden Systems anerkennt.


  1. Die gleiche Argumentation gilt auch für Coaching, das also im gesamten Text immer mitgedacht werden kann. ↩︎
  2. Sicher nicht bei Stefan Kühl, der ja systemtheoretisch informiert ist. ↩︎
  3. Durchaus beachtenswert: Auch die Gesetze der Physik gelten nicht absolut, sondern immer nur im Kontext von gesetzten Einschränkungen. ↩︎
  4. Hier zum letzten Mal zur Erinnerung: Ich beziehe mich auf die Systemtheorie, die Niklas Luhmann oder Fritz B. Simon beschrieben haben und wie ich sie für meine Praxis verwende. Es gibt eine Vielzahl anderer Interpretationen und Verwendungen von Systemtheorie. ↩︎